Die Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern wird gerne - aber nicht ganz zutreffend - als "Kirchenparlament" bezeichnet. Hier finden Sie grundlegende Informationen, was die Landessynode ist und tut. Außerdem veröffentlichen wir hier bei gegebenem Anlass Einblicke in die Tätigkeit der Landessynode, besonders im Zusammenhang mit den Synodalen (= Mitglieder der Synode) aus unserer Region.
Auf der Homepage der Landeskirche gibt es einen Bereich zur Landessynode unter
https://landessynode.bayern-evangelisch.de
Im Folgenden einige direkte Links dorthin zu grundlegenden Informationen:
Gemeinsame geistliche Leitungsverantwortung
Die bayerische Landeskirche hat vier kirchenleitende Organe: die Landessynode, den Landessynodalausschuss, den Landeskirchenrat und den Landesbischof.
Verantwortung für Kirchengesetze und Finanzen
Termine der zukünftigen Synodaltagungen
„Ich tue es, weil ich an Gott glaube.“
Interview mit Marion Winnefeld am 17.3.2026
Marion Winnefeld aus Bad Königshofen, ausgebildet als staatliche Lehrkraft für Realschulen, hat als ehrenamtliche Delegierte der Dekanatsbezirke Lohr und Bad Neustadt sechs Jahre lang in der Landessynode , dem „Kirchenparlament“, mitgearbeitet. Stefan Wurth, Öffentlichkeitsreferent des Dekanatsbezirks Bad Neustadt an der Saale, führte am 14. März 2026 ein Interview mit ihr, einige Tage vor dem Ablauf ihrer Amtszeit als Landessynodale.
SW: Du bist Mitglied des Kirchenvorstandes hier in Bad Königshofen und auch im Dekanatsausschuss. Sechs Jahre lang warst Du auch Mitglied der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, also sozusagen in unserem Kirchenparlament. Wie ging es los mit deinem Engagement in der Kirche und für die Kirche?
MW: Ich kam aus der Diaspora und kannte vieles nicht. Ich war zwar ab und zu in einer Kindergruppe und wurde auch konfirmiert. Aber die kirchliche Jugendarbeit, wie wir sie jetzt auch hier in unserem Dekanat haben, kannte ich nicht. Ich bin in der Nähe von Aschaffenburg aufgewachsen und erlebte dort einen fortschrittlichen Pfarrer. Damals wurde in der Gemeinde bewußt keine Kirche, sondern ein Gemeindezentrum mit Gottesdienstraum gebaut. Der Pfarrer hat uns darin einen Jugendraum zur Verfügung gestellt und relative Freiheiten gelassen. Aber das war ein dauernder Kampf mit dem Kirchenvorstand. Dass Jugendliche einen Raum in der Kirche haben, den sie selbst gestalten, war zu meiner Jugendzeit überhaupt nicht akzeptiert. Ich bin dann zum Studium weggegangen und mit sehr vielen jungen Menschen zusammengekommen, die in der Jugendarbeit groß geworden sind. Das war für mich damals eine ganz fremde Welt. Die Erfahrung der Kirchentage in den 70er- und 80er-Jahren haben mich dann sehr beeindruckt. Und einige Jahre später habe ich den Weltgebetstag der Frauen für mich entdeckt. Nächstes Jahr bin ich dann seit 30 Jahren bei uns in Bad Königshofen für den Weltgebetstag aktiv.
SW: Du bist dann 2020 in die Landessynode gewählt worden. Wie kam es dazu?
MW: Ich war damals hier in Bad Königshofen neu in den Kirchenvorstand gewählt worden. Kurze Zeit später hat mich dann Lutz Mertten (der Ortspfarrer; Anm.d.Red.) angesprochen, dass die Wahlen zur Landessynode anstehen und der bisherige Landessynodale aus unserem Dekanatsbezirk nicht wieder antreten kann. Es war der Versuch, auch in unserem Dekanatsbezirk eine Person zu finden, die dann in dem größeren Wahlkreis (beide Dekanatsbezirke Bad Neustadt und Lohr; Anm.d.Red.) kandidiert. Ich hab gesagt: „Ich schau`s mir an.“ und dann zugestimmt. Wobei es im Internet so aussah, als ginge es nur um die einmal vier und einmal drei Sitzungstage im Jahr, an denen die Synode sich an wechselnden Orten trifft. Also bin dann auf die Wahlveranstaltung nach Hammelburg gefahren. Und ich muss ehrlich sagen: Die beiden anderen Kandidaten aus dem Nachbardekanat Lohr haben mich sehr beeindruckt, beide ganz unterschiedliche Menschen, aber beide Feuer und Flamme für die Kirche. Ich hab gedacht: „Ich stolpere jetzt hier rein, aber eigentlich müsste einer der beiden anderen gewählt werden.“ Aber nachdem ich mich vorgestellt hatte, habe ich in den Gesichtern der Leute gesehen, dass ich gar keinen schlechten Eindruck gemacht hatte. Und ich wurde dann auch gewählt. Ich hatte eigentlich nur ein bißchen erzählt, was ich in der Schule im Religionsunterricht mache und dass ich vom Weltgebetstag her komme und von meiner Familie… Das hat anscheinend so gewirkt, dass ich dann – überraschenderweise – gewählt wurde.
SW: Welche Vorstellungen hattest Du von der Landessynode im Kopf und mit welchen Gefühlen bist Du zum ersten Mal hingefahren?
MW: Ich hatte ja oft mit meinen Schülern im Religionsunterricht darüber gesprochen, was die Landessynode ist und tut. Bei dem Einführungsseminar in der Evangelischen Akademie in Tutzing für uns neu gewählte Landessynodale wurde dann ausführlich vorgestellt, wie die Synode arbeitet: die verschiedenen Arbeitskreise, die Ausschüsse, was da überhaupt gearbeitet wird und welche Bedeutung die Landessynode als kirchenleitendes Organ hat. Da habe ich richtig Feuer gefangen. Aber kurz danach, kurz vor der konstituierenden Tagung, kam dann im März 2020 die Nachricht: Wir können uns nicht treffen, wir können nicht zusammenkommen, es ist nur möglich über digitale Sitzungen. (wegen der Covid19-Maßnahmen; Anm.d.Red.) Dann folgte eine ganze Reihe von Zoom-Sitzungen, eine Zoom-Synode und sogar eine hybride Synode (manche Synodale waren digital dabei, andere in Präsenz; Anm.d.Red.). Als wir uns das erste Mal alle treffen konnten - in Geiselwind -, war das was ganz Besonderes. Es gibt ja Fotos davon, wie wir in diesem riesigen Saal sitzen, mit riesigen Abständen zwischen den Stühlen. Es waren genaue Laufwege festgelegt, z.B. auf die Bühne und zurück, damit wir uns untereinander möglichst nicht in die Nähe kamen. Aber es war trotzdem eine ganz neue Welt, die Menschen dann wirklich live zu erleben, unter ganz strengen Regeln, mit aufgeteilten Essenszeiten und zugewiesenen Plätzen an den Tischen. Trotzdem haben wir es geschafft, in der Synode untereinander ein Wir-Gefühl zu entwickeln: „Wir als die 108 Synodalen arbeiten zusammen und wir wollen für unsere Kirche und für unsere Gemeinden das Beste erreichen, was unter den gegebenen Umständen möglich ist.“
SW: Wie war die Stimmung damals?
MW: Es war eine Aufbruchsstimmung, von der ich das Gefühl hatte, dass die dann hier in unser Dekanat mit hinein geschwappt ist, als die Konzepte für die Landesstellenplanung entwickelt wurden. Gut, wir haben im Dekanat damals nur eine halbe Stelle verloren, wurden also nicht so stark reduziert. Aber als Neuling in dieser Ebene der Kirche empfand ich die Möglichkeit, dass wir selbst uns Gedanken machen über die zukünftige Stellenverteilung und wer dafür gut geeignet ist, als große Freiheit und wirklichen Aufbruch. Ich habe das Gefühl gehabt: Wir haben etwas bewegt mit der Gründung von Pfarreien, zwei davon in unserem Dekanatsbezirk.
SW: Es liefen damals also mehrere Prozesse, die für Dich persönlich neu waren: Du warst neu im Kirchenvorstand, neu in der Dekanatssynode und im Dekanatsausschuss, neu in der Landessynode, und hast in diesen verschiedenen Gremien die Erfahrung gemacht: Wir können hier was gestalten, was Sichtbares, nicht nur im Kleinen.
MW: Ja, ich habe das als richtig guten Weg empfunden und hab dann auch für mich Konsequenzen gezogen. Ich war ja mitten im Beruf, habe in der Schulleitung gearbeitet und war da auch sehr eingespannt und musste beides arrangieren. Das ist nur möglich, wenn man jemanden an der Seite hat, der das unterstützt. Das war bei mir so. Mein Mann hat mir nicht nur für die zwei Sitzungstermine Freiraum gegeben, sondern auch für alle zusätzlichen Arbeiten. Ich war neu, für mich war vieles neu. Ich bin in den Ausschuss für Recht und Verfassung gegangen und hatte das Glück, dass da sehr kompetente Ehrenamtliche drin waren mit erfahrenen Personen wie Hans Stiegler (früherer Ansbacher Dekan und Vizepräsident der Landessynode; Anm.d.Red.) und Alexandra Hiersemann (Rechtsanwältin und bayerische Landtagsabgeordnete bis 2023; Anm.d.Red.). Es war eine richtig gute Mischung, die ja zum Glück in der neuen Synode weitestgehend erhalten geblieben ist. Es beruhigt mich, dass diese Gruppe sich weiterhin für die rechtlichen Grundbedingungen, die rechtliche Situation innerhalb der Kirche und das Zusammenarbeiten der verschiedenen Gremien stark macht. In einer Zeit, in der wir solche durch Sachzwänge veranlassten gravierenden Veränderungen verarbeiten müssen, brauchen wir den kritischen Blick: Welche Möglichkeiten haben wir? Was für Folgen hat das, wenn wir bestimmte Dinge festlegen? Welche Möglichkeiten werden beschnitten? Diesen kritischen Blick sehe ich als eine wichtige Aufgabe des Ausschusses für Recht und Verfassung an. Alle anderen Ausschüsse sind auch wichtig. Aber in diesem wird es in Form gegossen oder es wird eben auch manchmal gesagt: „Die Form, die vorgeschlagen wird, ist nicht gut; da müssen wir was ändern.“
SW: Du bist ja als Laie im Feld des Rechtswesens da rein gegangen, zwar mit dem Hintergrund aus der Schulleitung…
MW: Ich würde Jein sagen. Natürlich als Laie im Kirchenrecht. Ich habe dann aber sehr viel gelesen, hab jedesmal zusätzliche Bestimmungen durchgelesen, hab auch das Buch von Hans-Peter Hübner (Jurist für den Bereich Kirchenrecht und früherer Oberkirchenrat; Anm. d.Red.) durchgearbeitet, um für mich das Gefühl zu haben: Ich kann da mitreden. Ich bin schon jemand, der immer versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen.
SW: Worum geht es in dem Buch? (Evangelisches Kirchenrecht in Bayern, München 2020; Anm. d.Red.)
MW: Um das Kirchenrecht, wie es sich entwickelt hat. Wie die Kirche im Übergang aus dem Kaiserreich zur Weimarer Republik in der Verfassung sehr viele Freiheiten bekommen hat, die die Bundesrepubik dann ja übernommen hat. Aber auch die Auswirkungen, was es bedeutet, Kirche in einer Diktatur zu sein. Das ist sehr spannend und erhellt einem viele Zusammenhänge, die in unserer Kirche im rechtlichen Bereich bestehen. Das war für mich sehr gewinnbringend.
SW: Du hast Dich also gründlich eingearbeitet, was sicher einigen Aufwand erfordert hat.
MW: Ja, und mir wurde bald klar, dass ich mich entscheiden muss: Einerseits 100 Prozent oder mehr, die ich als stellvertretende Schulleiterin tätig war, phasenweise ganz selbstständig, wenn die Schulleiterin nicht anwesend war. Und andererseits die Arbeit in der Synode, die sich nicht nur auf die beiden Sitzungsphasen beschränkt. Es gab am Anfang sehr viele Thementage, z.B. zum Klimaschutzgesetz. Da habe ich bald gemerkt: Mehr als 100 Prozent Schule und mehr als 100 Prozent Synode – das schafft man nicht. Deswegen habe ich mich dann entschieden, auch aus privaten Gründen, eben einfach in den Ruhestand zu gehen. Das war nicht so geplant, ich wollte eigentlich bis zuletzt als Lehrerin arbeiten.
SW: Die Strukturveränderungen, über die ihr auch in der vergangenen Synode beraten habt, werden jetzt umgesetzt. Du bist in unserer Region daran beteiligt, auch als Kirchenvorsteherin. In der Region mit Bad Königshofen wird sich eine Regionalgemeinde neu zusammenfinden, in der z.B. mit Ebern dann auch Teile des bisherigen Nachbardekanats Rügheim dabei sein werden. Wie groß ist die Herausforderung, bisherige gewohnte Denk- und Verwaltungsgrenzen zu überwinden?
MW: Ja, das ist natürlich Neuland für uns, weil wir so ein großräumiges Denken bisher nicht gewohnt waren, sondern jeder erstmal seine eigene Gemeinde gesehen hat und die sollen ja nach Stand jetzt auch so erhalten bleiben. Aber zu einer Zusammenarbeit zu finden und zu überlegen: Wo sind denn die Gebäude, die wir brauchen in so einer großen Region und erhalten wollen? Welche kleinen Zentren können bleiben und welches wird unser großes Zentrum? Es soll ja doch so gestaltet werden – das ist eine Vorgabe – dass wir ein großes Zentrum haben, das uns gut versorgt. Aber wir werden natürlich auch kleinere Zentren brauchen, da heißt Stationen, die erreichbar für uns sind. Eine Herausforderung ist ja, dass wir zunehmend ältere Mitglieder haben, die nicht mehr über volle Mobilität verfügen. Das habe ich selbst mir vor ein paar Jahren auch nicht vorstellen können. Wenn z.B. jemand mit 75 Jahren einen Unfall hat, der dann seine Fahrtüchtigkeit nachweisen muss und vielleicht den Führerschein abgeben. Für uns alle auf dem Land ist ja selbstverständlich: „Ich habe ein Auto vor der Tür stehen, da setze ich mich rein und ich kann überall hinfahren.“ Es wird also im Alter Einschränkungen unserer eigenen Fähigkeiten geben. Wenn wir sagen: „Wir möchten alle Menschen in der Region erreichen.“ - Da werden sich natürlich Schwierigkeiten auftun, für die wir Lösungen finden müssen und ja auch schon gefunden haben.
SW: Welche zum Beispiel?
MW: In der Corona-Zeit hat sich ja im digitalen Bereich sehr viel entwickelt. Ich habe das in der Schule jedoch als wahnsinnig anstrengend empfunden, weil es sehr viel Kraft kostet, einen guten Unterricht am Bildschirm zu machen und dabei die Menschen im Blick zu behalten: Wie geht’s dem Jugendlichen, wie geht’s der Schülerin über den Unterrichtsstoff hinaus? Wie geht’s den Menschen, wenn die so isoliert sind? Dass die Vereinsamung ein ganz großes Problem in unserer Gesellschaft ist, das ist mittlerweile offiziell anerkannt. Das aufzubrechen und Wege zu finden, halte ich für wichtig. Sicher können die kirchlichen Mitarbeitenden nicht alle aus der Einsamkeit „retten“. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Auch dass die Kirche weiter so wirken kann, wie sie wirkt, ist nicht allein Aufgabe der Kirche. Sondern eine gesellschaftliche Aufgabe, über die sich auch die Politiker Gedanken machen müssen. Wenn die sozialen Hilfen und Unterstützungsangebote der Kirchen nicht mehr finanzierbar sind, dann ist der Staat gefragt.
SW: Für gesellschaftliche Aufgaben, die momentan nach dem Subsidiaritätsprinzip von den kirchlichen Einrichtungen übernommen werden, z.B. im Bereich der Diakonie.
MW: Es wird eine Aufgabe sein, das mehr ins Bewußtsein der Bevölkerung zu tragen. Ein Kirchenaustritt bedeutet eben nicht nur den Rückzug aus der Kirche als Glaubensgemeinschaft, sondern auch als einem Bereich gesellschaftlicher Solidarität mit sozialen Unterstützungen und Hilfen.
SW: Das sind zwei Seiten einer Medaille. Die Synode hat sich immer wieder zumindest wahrnehmend mit den Zahlen der Kirchenaustritte beschäftigt…
MW: Die jüngsten Zahlen des Mitgliederrückgangs, die jetzt veröffentlicht wurden, sind natürlich furchtbar. Da sind übrigens auch viele Mitglieder eingerechnet, die verstorben sind. Und dieser starke Rückgang insgesamt hat eine große Auswirkung auf die gesamte Gesellschaft.
SW: Nochmal zurück zum Gemeindeleben und zu den Regionalgemeinden, mit Blick auf die wachsenden Entfernungen und die reduzierte Zahl der Mitarbeitenden: Welche Formen für Gemeindeleben siehst Du in der Zukunft neu entstehen, die wir jetzt vielleicht noch garnicht kennen?
MW: Ich habe das Gefühl, wir stehen da am Anfang. Für ein ganz großes Pfund halte ich dabei die „MUT-Projekte“ (www.mut-elkb.de - ein Programm der Landeskirche, um neue und unkonventionelle Projekte zu fördern; Anm. d.Red.), die ins Leben gerufen wurden. Und habe eine große Chance darin entdeckt, durch übergemeindliche Projekte manchen Menschen einen Zugang zu ihrer Ortsgemeinde zu ermöglichen. Wir fangen hier in unserer Region gerade auch etwas Neues an mit der „KIRCHE Kunterbunt“ für Familien. Es hat sich ein ökumenisches Team dafür gebildet. Der erste Termin zum Thema „Freundschaft“ wird kommenden Sonntag in Sulzfeld stattfinden. Da kann man ganz unverbindlich hingehen, egal ob man kirchlich eingebunden ist oder nicht. Ich bin selbst als Mitarbeitende zum ersten Mal dabei und freue mich drauf. Es werden biblische Themen in unkonventioneller Weise erlebbar gemacht, indem man im Gemeindesaal nach eigenem Interesse unterschiedliche Stationen besuchen kann mit verschiedenen kreativen Angeboten. Anschließend ist zu einem gemeinsamen Mittagessen eingeladen. Menschen sind in die Kirche eingeladen um zu erleben: Hier entsteht Gemeinschaft im gemeinsamen Tun bei freier Auswahl. Solche Aktionen können nicht jeden Sonntag, sondern vielleicht zweimal im Jahr stattfinden. Den Anstoss dazu bekamen wir aus Erfahrungen mit der Kirche Kunterbunt Coburg (https://www.kirche-kunterbunt.de/initiativen/kirche-kunterbunt-coburg/), wo sich jeweils um die hundert Menschen zusammenfinden. Das können wir in Sulzfeld nicht erwarten. Aber man erkennt daran: Auch Menschen, die keine Kirchenmitglieder sind, lassen sich ansprechen. Am Besten natürlich ökumenisch. Denn im Grunde genommen sitzen wir Christen – evangelisch und katholisch – im gleichen Boot und erleben alle, dass die Ressourcen knapper werden. Dann die Türen zu öffnen und etwas Neues anzufangen, was lebendig ist und wo Menschen erleben können: Kirche kann auch ganz anders sein…
SW: Weil ja in allen Altersgruppen durchaus religiöses Interesse vorhanden ist.
MW: Ein jüngerer Verwandter sagte mir öfters schon: „Wir reden schon über religiöse Themen, wenn wir zusammensitzen. Wir beten auch manchmal. Aber wir gehen halt nicht in die Kirche.“ Sich diesen Menschen als Ort anzubieten, an dem sie Suchende sein können, ist eine wichtige Aufgabe für die Kirche. Ich spreche gerade in einer 10. Klasse die Bergpredigt durch, was da eigentlich alles enthalten ist, und bin sehr erstaunt über das Interesse der Jugendlichen. Weil die Traditionen wie Kirchgang und Kindergottesdienst so stark zurückgegangen sind, müssen wir die Annäherung an die christliche Botschaft auf neuen Wegen ermöglichen. Das sehe ich als Aufgabe der Kirche.
SW: Die Dekanatssynode in Bad Neustadt hat sich neulich mit der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung beschäftigt. Die hatte einige Erkenntnisse zu bieten über die Einstellungen der Bevölkerung zu Kirche und Glauben.
MW: Man hat bei den Ergebnissen der Untersuchung gesehen, dass viele Menschen auf der Suche sind. Auch viele, die jetzt sagen: „Ich glaube nicht.“ Viele christliche Traditionen sind abgebrochen. Ich selber komme aus einer nicht unbedingt christlich geprägten Familie. Zwar wurden alle getauft, die meisten auch konfirmiert, auch kirchlich getraut und christlich beerdigt. Aber mein persönlicher Glaube hat sich in der Begegnung mit der Bibel entwickelt. Ich habe ihre Texte gelesen und darin Jesus erfahren: Wie er Menschen begegnet ist, anders begegnet ist. Und dass es der Glaube ist, der uns befreit. Solch ein Prozess ist für die Menschen heute in einer säkularen Welt natürlich schwieriger geworden, wo Kirche weniger präsent ist. Als Kirche müssen wir darauf mit einfachen Angeboten reagieren. Wichtig dabei finde ich, dass diese neuen Aktivitäten nach außen wirken, über die kirchlichen Kreise hinaus. Aus Hamburg las ich, dass mehrere Pfarrstellen in Zusammenarbeit beauftragt wurden, unter dem Titel „Kirche St. Moment“ besondere Projekte zu veranstalten mit dem Ziel, leichte Zugänge zu schaffen zur Kirche. Denn viele Menschen haben ja eine Hemmschwelle und würden nicht sagen „Ich gehe in die Kirche.“ Dass sich nun regional neue Initiativen bilden, halte ich für einen guten Weg. Wie ja auch die vorhin genannte ökumenische Arbeitsgruppe für die „KIRCHE kunterbunt“ jetzt in Sulzfeld aktiv wird und im Mai dann in Bad Königshofen. Auch nach Heldburg bestehen Kontakte und ich hoffe, dass wir uns gegenseitig helfen werden bei unseren Aktionen.
SW: Was wünscht Du Dir von der Kirche in den kommenden Jahren? Experimentierfreude habe ich schon herausgehört, also MUT-Projekte…Offenheit dafür und Unterstützung dafür.
MW: Ja, genau, Unterstützung und einfach auch Ideen zuzulassen. Auch wenn sie vielleicht im ersten Moment für manch konservative Christen bedenklich erscheinen. Über die Aktion „einfach heiraten“ z.B. gab es ja eine große Diskussion mit der Befürchtuung, dass man dadurch sowohl die Segnung als auch die Trauung herabsetzt. Aber ich erlebe es nicht so und auch die Kollegen, die es durchführen, schildern es als etwas Berührendes, was da stattfindet.
SW: Möglicherweise spiegelt das ja auch wider, dass das Spontane und Momentane, das Hier und Jetzt in unserer Gesellschaft mehr Gewicht gewonnen hat gegenüber dem lange Geplanten und Vorbereiteten.
MW: Ich denke, dass dadurch Menschen angesprochen und neugierig gemacht werden. Als Jugendliche war ich begeistert, als in den 70er- und 80er-Jahren auf den Kirchentagen ganz viele neue Lieder auftauchten, die man dann auch in der Gemeinde gesungen hat. Das hat mich damals als Konfirmandin richtig beseelt: „Das sind die tollen neuen Lieder!“ Aber mittlerweile – durch mein Wissen, durch meine Lebenserfahrung - kann ich auch die alten Lieder schätzen. Ich sehe es als Entwicklungsprozess weil z.B. ein Lutherlied im Inneren ganz viel Substanz hat an Trost, an Kraft, an Gläubigkeit. Da kann man nicht erwarten, dass Menschen das verstehen, nachdem sie so viel Basiswissen und so viele christliche Traditionen verloren haben. Da muss man, glaube ich, wieder hingeführt werden. Auch ich selbst habe erst im Laufe meines Lebens das Althergebrachte schätzen gelernt. Für mich ist der Sonntagsgottesdienst mittlerweile eine ganz wichtige Sache geworden.
SW: Diese Entwicklung hat dich vermutlich auch bereit gemacht zum Engagement in kirchlichen Gremien.
MW: Und weil ich angesprochen wurde. Ich werde mich wahrscheinlich bis ins hohe Alter für den Weltgebetstag zuständig fühlen, weil er mir mir als junger Mensch ganz viel gegeben hat. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich mich für den Kirchenvorstand aufstellen lasse oder für die Synode. Das heißt: dieser kleine oder große Stubs von einem Hauptamtlichen, der mich angesprochen hat und gesagt: „Ich traue dir zu, dass du das kannst.“, hat das eigentlich alles in Bewegung gesetzt. Und ich denke, das ist die zukünftige Rolle unserer Hauptamtlichen. Ich denke, wir sollten ganz hohen Respekt vor unseren Hauptamtlichen haben, weil sie uns wirklich Anregungen geben und manche Menschen ermutigen, überhaupt erst aktiv zu werden. Wie mein eigenes Beispiel zeigt.
SW: Das wäre eine Schlüsselqualifikation für Hauptamtliche…
MW: …zu erkennen, welche Menschen zu bestimmten Beiträgen fähig sind. Was wir in der Kirche zukünftig noch besser entwickeln müssen, ist diese ganze Ehrenamtskoordination. Dass ich als Ehrenamtliche mich auch traue, jemand anzusprechen: „Du könntest doch das oder das machen. Ich traue dir das zu.“ Was mit der Kirche gerade passiert, liegt nicht nur in ihrer Verantwortung, sondern in unser aller Verantwortung. Daher wünsche ich mir, dass man die Hauptamtlichen von der Leitungsseite aus besser pflegt und schaut: Welche Regenerations- und Ruhephasen brauchen sie für das Amt, das sie haben? Das kommt noch zu kurz, weil man ihnen alle Verantwortung aufbürdet. Da wünsche ich mir eben, dass auch Ehrenamtliche mehr Verantwortung übernehmen für unsere Kirche. Wir können das nicht auf wenige Menschen abschieben, weder von oben nach unten noch von unten nach oben.
SW: Jetzt wird nächste Woche die neu gewählte Landessynode erstmals zusammentreten…
MW: Am Sonntagabend, 22. März, ist der Eröffnungsgottesdienst und ab dann bin ich nicht mehr Landessynodale, sondern Carina Sehmisch (die neu gewählte Delegierte der Dekanatsbezirke Lohr und Bad Neustadt; Anm.d.Red.).
SW: Bist du dann in Gedanken dort?
MW: Dadurch, dass ich in der „KIRCHE Kunterbunt“ am Sonntag eingebunden bin, werde ich natürlich beschäftigt sein.
SW: Du bist also an anderen Stellen weiter aktiv. Was wünschst du denn den Mitgliedern der neuen Landessynode aus der Ferne?
MW: Erstmal natürlich Gottes Segen für ihre Arbeit, denn den brauchts. Und ich wünsche ihnen, dass sie gut theologisch begleitet werden. Das habe ich damals am Anfang etwas vermisst. Es geht um sehr viele Sachthemen, die Tagesordnung ist „vollgedonnert“. Es gibt zwar Elemente wie die Morgenandacht und die Besinnung beim Mittagsläuten und dann die Abendandacht. Aber dazwischen bräuchte es oft Momente, wo man durch eine kurze Besinnung Kraft bekommt und sich nicht von Sachthemen und Diskussionen auffressen lässt. Wobei die dadurch begrenzt sind, dass jeder Synodale nur ein Mal zu einem Thema sprechen darf und dann begrenzt auf drei Minuten. Das bewirkt, dass man sich untereinander in den Pausen abstimmen muss und dadurch einige Tage lang nur wenig zur Ruhe kommt. Es werden ja viele wichtige Themen bearbeitet. Und dafür wünsche ich den Landessynodalen die Kraft, sich mit ihren Persönlichkeiten auf das Neue einzulassen. Und dass sie so ein Wir-Gefühl entwickeln, wie wir das in den vergangenen sechs Jahren hatten. Dass also nicht gegenseitige Konkurrenz und unterschiedliche Meinungen dominieren, sondern dass man wirklich Dinge ausdiskutieren kann. Und dann muss man es auch mal aushalten, dass man überstimmt wird, wenn die Mehrheit anderer Meinung ist. Oft sind Kompromisslösungen notwendig. Das Entscheidende ist, dass es gute Beschlüsse sind für die Mitglieder unserer Kirche.
SW: Mit der Synode als Entscheidungsgremium, das nicht nur berät, sondern auch beschließt, bringen wir als evangelische Kirche auch eine demokratische Praxis in der Gesellschaft ein. Alle, die in der Synode aktiv sind, bringen vermutlich viel Erfahrung mit in die Kommunen, wo wir ja in Bayern erst kürzlich Wahlen hatten.
MW: Ich bin kein Mensch, der für Parteipolitik geeignet ist. Ich kann bei verschiedenen Parteien Punkte entdecken, die mir wichtig sind. Aber ich war sehr überrascht: Ich habe kürzlich erst am Qualifizierungskurs für Kirchenvorstände teilgenommen. Von den Teilnehmenden dort hat mehr als die Hälfte auch bei den Kommunalwahlen zum Stadtrat oder Kreisrat kandidiert. Und einige wurden auch gewählt. Das hat mich doch sehr beeindruckt. Bei dem Kurs habe ich übrigens noch Zusätzliches gelernt über Verwaltungsarbeit und anderes, was in der Landessynode und ihrem Umfeld nicht so vorkommt. Dafür bin ich dankbar und auch gespannt, was sich daraus für mich weiterentwickelt.
SW: Wie du erzähltest, wurdest du damals unerwartet in Kirchenvorstand und Landessynode „hineinkatapultiert“. Auf der Landesebene warst du bei ganz grundsätzlichen Beratungen und Entscheidungen beteiligt. Und jetzt kommst du wieder intensiver in die Gemeindeebene.
MW: Genau, mit dem Wissen um vieles komme ich zurück auf die Gemeindeebene. Ich war ja vorher schon hier tätig. Aber jetzt habe ich wirklich Zeit, vielleicht auch eigene Ideen zu entwickeln und zu überlegen, wie ich das in der Gemeinde umsetze. Ich erlebe jetzt auch, dass sich bei einem Neuanfang vieles auftut, was man vorher überhaupt nicht im Blick hatte. Die monatliche Taizé-Andacht zum Beispiel oder ein neu entstandener Bibelkreis mit Sara Notzke und wir fangen jetzt mit der „KIRCHE Kunterbunt“ an. Da bewegt sich ganz viel und ich wünsche es allen Gemeinden, dass sie diese Erfahrung machen: Durch einen Neuanfang ergeben sich neue Dinge und neues Leben.
Ich sehe es auch in anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten, wo man für Menschen etwas anbietet. Mein Hund ist ausgebildet als Schul- und Therapiebegleiter. Wenn ich z.B. mit ihm ins Seniorenheim gehe, spüre ich, dass eine Form von Menschlichkeit entsteht, die ganz wesentlich für unser christliches Menschenbild ist. Oder die Kitzrettung: Dafür bin ich hier in der Region Rhön-Grabfeld und Schweinfurt aktiv. Mir ist wichtig, Zeit zu haben und mich zu zeigen auch in anderen Bereichen, die nicht unbedingt mit Kirche zu tun haben. Ich tue das aus meinem Glauben heraus. Und wenn andere Menschen das wahrnehmen, habe ich schon ganz interessante Gespräche geführt. Manche sind dann erstaunt, dass ich etwas für Menschen tue, die nichts für mich tun. Aber ich erlebe eben, dass ich dabei viel zurückbekomme, was ich brauche. Anna-Nicole Heinrich (Präses der Evang. Kirche in Deutschland; Anm.d.Red.) hat es oft so gesagt: „Es ist wichtig, dass wir nicht nur in unserer Blase bleiben sondern rausgehen und uns als Christen zeigen.“ Ich tue es, weil ich an Gott glaube. Ich glaube, dass er will, dass ich für andere Menschen da bin.
SW: Danke für dieses Interview und alles Gute für deinen weiteren Weg in und mit der Kirche.