Für die Regionalausgabe Rhön-Grabfeld der Zeitung "Mainpost" verfasst jede Woche eine Person aus der evangelischen oder katholischen Kirche einen kurzen geistlichen Impuls als "Wort zum Wochenende". Wir veröffentlichen die Texte hier mit kleiner Verzögerung und lassen der Mainpost damit den Vortritt. Weitere "Worte zum Wochenende" kann man auf der homepage www.mainpost.de mit der Suchfunktion finden.
Für das Wochenende ab 22. Mai 2026 schrieb Steffen Behr, Pfarrer im Pastoralen Raum Mellrichstadt, aus
Bastheim :
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir befinden uns noch mitten im Monat Mai, in dem die katholische Kirche nach alter Tradition die Gottesmutter Maria in Andachten, mit Gebeten und Liedern besonders verehrt. Für viele Christen gilt sie als ein Vorbild im Glauben und eine Fürsprecherin bei ihrem Sohn Jesus. In unserer heutigen Zeit finden jedoch immer weniger Menschen einen Zugang zu ihr.
Dabei war und ist Maria doch eine von uns. Sie war ein Mensch, der das Leben mit allen Facetten gekannt hat. Vieles hat sie sich sicherlich anders vorgestellt und gewünscht. Mit 14 oder 15 Jahren wird sie schwanger. Josef, ihr Verlobter, ist nicht der Vater ihres Kindes. Die Nachbarn schauen mit schiefen Blicken auf die werdende Familie. Die Geburt findet in einem Stall statt, weil es zu mehr nicht gereicht hat. Die Familie muss nach Ägypten fliehen. Als junger Erwachsener wird Jesus von seinen Verwandten als verrückt erklärt. Und als er dann in das Alter kommt, in dem er seine Eltern mitversorgen soll, stirbt er als vermeintlicher Verbrecher am Kreuz. Man könnte meinen, dass Maria so viele Tiefs in ihrem Leben durchmachen musste, damit sie für jeden Menschen und in jeder Lebenssituation eine gute Wegbegleiterin sein kann.
Doch irgendwann hat sich die Kunst und vielleicht auch die Kirche auf Maria gestürzt, sie auf einen Thron gehoben und auf einen hohen Sockel gestellt – weit weg von uns. Aus Maria, der einfachen Frau aus Nazareth, wurde die Königin des Himmels. Sie wurde mit Gold verziert, in kostbare Stoffe gekleidet und mit einer mit Edelsteinen besetzten Krone gekrönt.
Ich möchte das nicht kritisieren oder gar abwerten. Aber durch diese künstlerische Verherrlichung wurde der Abstand von Maria zu uns so unfassbar groß. Dabei war und ist sie doch eine von uns. Vielleicht lasse ich sie ja doch ab und zu ein Stückchen auf meinem Lebensweg mitgehen und mich begleiten. Vielleicht öffne ich Maria ab und zu die Tür meines Herzens und nehme sie auf.