Für die Regionalausgabe Rhön-Grabfeld der Zeitung "Mainpost" verfasst jede Woche eine Person aus der evangelischen oder katholischen Kirche einen kurzen geistlichen Impuls als "Wort zum Wochenende". Wir veröffentlichen die Texte hier mit kleiner Verzögerung und lassen der Mainpost damit den Vortritt. Weitere "Worte zum Wochenende" kann man auf der homepage www.mainpost.de mit der Suchfunktion finden.
Für das Wochenende ab 12. Dezember 2025 schrieb Marion Ziegler, Pfarrerin in der Klinikseelsorge am Rhön-Klinikum Campus, Bad Neustadt, und im Schuldienst
„Wie jedes Jahr …“
Liebe Leserin, lieber Leser!
Traditionen spielen im Advent und an Weihnachten eine große Rolle. Alles wie immer, wie schon immer in der Familie praktiziert. Angefangen beim Plätzchen backen, dem Adventskranz in den vertrauten Farben und die Deko, die es seit Jahren immer wieder aus dem Schrank schafft. Was aber, wenn das Vertraute verändert wird, die Farben der Kerzen und Kugeln lila statt rot. Kein Duft nach frisch gebackenen Weihnachtsplätzchen. Die erwachsenen Kinder feiern in ihren eigenen Familien. Wird es dann weniger Weihnachten?
Überhaupt, was wäre, wenn bereits damals alles anders abgelaufen wäre und es die Geschichte um Stern, Stall, Geburt Jesu so nicht gegeben hätte? Stellen wir uns vor, der Wirt hätte ein mitleidiges Herz gehabt und hätte Maria und Josef in seine Herberge gebeten. Dort hätte Maria in aller Ruhe, vielleicht sogar unterstützt von einer erfahrenen älteren Frau, ihr Kind bekommen. Stellen wir uns vor, die ganze „Stallidylle“ hätte es nicht in unseren Weihnachtsablauf geschafft. Keine Krippe als Bettlager für ein kleines Kind, kein Ochs und Esel, keine herbeieilenden Hirten oder Engel, die „Fürchtet euch nicht“ singen; und der Stern wäre auch ohne weitere Bedeutung verblasst, die drei Weisen aus dem Morgenland wären herumgeirrt mit ihren Geschenken - und ihre Geschichte gäbe es nicht.
Würden wir dann heute die Geburt des Christkindes noch feiern? Gäbe es unser Weihnachtsfest überhaupt? Was ist mit der kindlich, berührenden Hoffnung auf Licht, Freude, Friede und festlicher Besinnung?
Ja, die Geschichten der Bibel sind die Geschichten der Menschen von damals. Diese waren ihnen so wichtig, dass sie sie weitererzählen wollten, damit andere Menschen sich auch daran erfreuen und Hoffnung für ihr eigenes Leben schöpfen konnten. Da ist es egal, wie realistisch und wahr es ist, dass eine junge, unerfahrene Frau in einem Stall ohne Hebamme mit unerfahrenem Vater ein Kind gebiert. Es geht um das Besondere, das Strahlende, Hoffnungsvolle, Friedfertige, wofür es stehen soll: Weihnachten war, ist und bleibt das Fest des kleinen Kindes, das von Gott auserkoren scheint, Großes zu vollbringen, Licht und Liebe in das menschliche Dunkel zu bringen, das - wie alle Babys – das Herz erwärmt und ein Lächeln in die Gesichter zaubert. Vielleicht braucht es gerade ein Mal im Jahr den Stall, das Kind, die Weihnachtslichter … „wie immer“, um erinnert zu werden, um zu sehen, fühlen und erfahren zu können, was wirklich wichtig ist und das Herz berührt. Jedes Jahr wieder.
Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten!
Ihre
Marion Ziegler