Mit der Advents- und Weihnachtszeit stehen traditionell wieder besondere Konzertereignisse an. Auch in der Region um Bad Neustadt und Münnerstadt sind daran zahllose Laienmusikerinnen und –musiker beteiligt und proben seit Monaten darauf hin. Der unübertroffene Klassiker dürfte das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach sein. Dieses wird im kirchlichen Bereich von evangelischen und katholischen Chören und Konzertbesuchenden gleichermaßen geschätzt. So kommt es dieses Jahr mit den Teilen I-III am 6. Dezember in Bad Neustadt in der evangelischen Christuskirche und am 14. Dezember in Münnerstadt in der Stadtpfarrkirche St. Maria Magdalena zur Aufführung. Das Meininger Residenzorchester trägt beide Male den Orchesterpart bei, professionelle Sängerinnen und Sänger wurden für die Solostimmen gebucht. Die Aufführungen wären jedoch ohne den begeisterten Einsatz vieler ehrenamtlicher Sängerinnen und Sänger nicht möglich. Denn der Chor hat im Weihnachtsoratorium eine gleich bedeutsame Rolle wie die Solisten und das Orchester. In der Evangelischen Kantorei Bad Neustadt wirken rund 70 sangesfreudige Menschen zwischen 15 bis 89 Jahren mit. Was motiviert sie zu monatelangem auch mühsamen Üben und was erleben sie beim Mitsingen? Stefan Wurth, Öffentlichkeitsreferent des Evang.-Luth. Dekanatsbezirks, konnte einige ältere und jüngere Mitglieder der Kantorei am Rande einer Chorprobe treffen und erfahren, was ihnen das musikalische Engagement bedeutet.
Lena Schmidt, Greta Wirsing, Sophie Lemmerich, Anna und Emma Storch (alle im Alt) waren schon seit Jahren in den Kinderchören dabei und sind jetzt ganz frisch aus dem Jugendchor in die Kantorei der Erwachsenen gewechselt. Mit ihren 15 oder 16 Jahren singen sie das Weihnachtsoratorium erstmals mit. Das ist manchmal schwer für sie, denn die Proben dauern bis 22:00 Uhr nachts. Im gemeinsamen Interview spielen sie sich gegenseitig die Bälle zu und erzählen: Von ihrer Sitzreihe im Alt aus staunen sie bei den Chorproben teils über die tiefen Töne der Bässe, die hinter ihnen sitzen: „Ich finde es faszinierend, wie tief manche Leute mit der Stimme runter kommen.“; teils über die hohen Töne, die vom Sopran oder vom Tenor gesungen werden. Das Gemeinschaftserlebnis in der Kantorei weckt in ihnen den Ehrgeiz, sich selbst gesanglich zu verbessern. Zudem kennen sie das Erlebnis, auf der Bühne zu stehen, z.B. aus den Kindermusical „Josef und seine Brüder“: „Weil man noch so klein war, hat man alles anders wahrgenommen und war viel aufgeregter. Dann ist man auf die Bühne gegangen und der Vorhang war noch zu. Es war eine tolle Erfahrung in der großen Stadthalle mit ganz vielen Leuten drin…“. Außerhalb der Kantorei hören die fünf jungen Sängerinnen Musik ganz verschiedener Stilrichtungen aus Pop, Rock, Filmmusik und Klassik – je nach Stimmung. Das Weihnachtsoratorium kann dabei mithalten, denn „die verschiedenen Teile darin machen Spaß wegen der Kontraste: manche langsamer und ruhiger, manche lebhafter und schneller. Man fühlt dabei verschiedene Emotionen.“
Julia Springstubbe (Sopran) aus Heustreu singt seit ihrer Kindheit, zuhause inzwischen mit ihren eigenen Kindern deren Lieder aus dem Kindergarten und aus der Schule. Und nun seit einem knappen Jahr auch in der Kantorei, denn: „Ich sing´halt gern!“. Sie hat das Weihnachtsoratorium vor 15 Jahren während ihrer Schulzeit schon mal mitgesungen. Obwohl das lange her ist, erkennt sie dennoch viele Stellen wieder und freut sich darüber. Im Chor genießt sie das anspruchsvolle mehrstimmige Singen mit anderen zusammen: „Wenn alles schön zusammenklingt und man alle hört, macht es einfach Spaß.“ Die konzentrierte Probenarbeit empfindet sie als entspannend: „Man lässt alles andere weg und denkt nur an das Stück, in dem man gerade ist, fernab von allen Belangen, die man sonst so hat. Einfach mal frei…“
Marco Simon (Tenor) aus Bad Neustadt singt seit fast 3 Jahren in der Kantorei und erlebt das Weihnachtsoratorium zum ersten Mal aus dieser Perspektive. Dabei schöpft er aus seiner Erfahrung mit dem Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy aus dem vergangenen Jahr: Das „hat mir am Anfang wirklich keinen Spaß gemacht, war in den Chorproben ganz ganz schwierig. Aber das Ergebnis hat sich echt gelohnt. Schon in den letzten Proben: Ich konnte mitsingen, hab auch die hohen Töne treffen können. Da waren Töne dabei, da musste ich wirklich alles aus mir herausholen. Der Auftritt war ein Moment – Wow! Da hat man gemerkt, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat. “ Nun urteilt er: „Ich hab´ den Eindruck: Das Weihnachtsoraorium ist durch die Koloraturen noch etwas schwieriger.“ Doch er nimmt die Herausforderung „sportlich“ und übt zuhause mit seiner Ehefrau, die selbst Gesangslehrerin und Chorleiterin ist. Mit Erfolg: „Dann funktioniert es in der Chorprobe viel besser.“ Das Chorerlebnis hat für ihn großen Tiefgang: „Diese Kraft zu spüren, das kann man schwer beschreiben: Die anderen Stimmen wirken auf einen selbst und die eigene Stimme auch. Diese Kraft, dieses gemeinsame positive Gefühl! Das erinnert mich an: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.‘ “ In einem Satz fasst er dann seine persönliche Entwicklung mit der Kantorei so zusammen: „Ich konnte gar nicht singen und hab viel Spaß daran gefunden.“
Gernot Merklein (Tenor) aus Herschfeld ist 1987 mit seiner Ehefrau in die Kantorei gekommen und hat damals gleich das Weihnachtsoratorium mitgesungen. Er schätzt in der Chormusik das Gemeinschaftserlebnis: „Das Ganze funktioniert nur, wenn sich jeder auf den anderen einlässt. Einer für sich kann das ja nicht aufführen. Indem die Erfahrenen die Unerfahrenen mitnehmen und nur dadurch, dass man gemeinsam wirkt, funktioniert das Ganze überhaupt.“ Als Liebhaber von moderner Chormusik ist ihm dennoch das barocke Weihnachtsoratorium besonders ans Herz gewachsen: „Es ist für mich das Friedensstück schlechthin, weil es grenzenüberschreitend die Friedensbotschaft für alle Völker bringt: Frieden auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen! - Ich kann`s gar nicht oft genug singen.“
Ariane Hoch (Sopran) singt seit 1983, also von Jugend an, in der Kantorei. Sie hat das Weihnachtsoratorium mittlerweile so oft mitgesungen, dass sie große Teile auswendig kann. Singen im Chor ist für sie „absolut Beziehungssache: zum einen die Beziehung zur Musik, zur Aussage der Musik. Das ist mir gerade in der Kantorei wichtig, der Bezug zum Glauben und zu Gott. Und andererseits die Beziehungen in der Chorgemeinschaft, in der ich schon so lange dabei bin und wo mir alle vertraut sind. Und je besser das Zusammenspiel zwischen Dirigentin und Chor auch auf einer nicht-musikalischen Ebene funktioniert, umso mehr kann ein Laienchor sich steigern. Das ist auch Beziehungsarbeit – immer! Die Qualität, wie sie die Kantorei seit Jahren bei großen Werken abliefert, ist schon erstaunlich.“ Dabei hat Ariane Hoch in mehr als vier Jahrzehnten ihres Mitwirkens in der Kantorei eine besondere Erfahrung gemacht: „Es ist für mich immer wieder faszinierend, dass die Kantorei auf den Punkt da ist. Die Proben sind manchmal schleppend, aber dann in der Aufführung zu merken: Das Letzte, was immer noch fehlt, das kommt dann „von oben“. Wenn es bei der Aufführung klappt und man als Sängerin die Leute in der Kirche sieht: Das ist berührend.“