Aufgeschlossen - Hören und Schweigen bringt mich meinem Mitmenschen nahe

„Herr, höre meine Bitte, leih´ mir dein Ohr und höre, was ich dir sagen will. Ich sage alles frei und ohne Umschweife; und dann rede du und sag´ mir, was richtig ist…“

Der Beter des Psalm 17 sucht in seiner Not einen Ansprechpartner, der sich ihm zuwendet, ihm zuhört und mit ihm abwägt, was nun richtig ist, getan zu werden. In dieser Verzweiflung wird deutlich, wie kostbar es ist, jemanden zu haben, der sich Zeit nimmt und wirklich zuhört.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir in unserer heutigen Zeit verlernt haben, aufeinander zu hören, zuzuhören. Jeder redet viel (oder schreibt viel in seine WhatsApp-Gruppen) - einfach so. Oftmals Banalitäten, Unwichtiges. Hauptsache man hat sich geäußert (- „geliked“ oder „disliked“). Und oftmals passiert das im Schutze der Anonymität. Aber all das hat mit dem miteinander Reden nichts mehr zu tun.

Wenn mich jemand - gerade in einer Notsituation, wie es mir in der Klinik oder auch in der Schule oft begegnet - bittet: „Leih´ mir dein Ohr und höre, was ich dir sagen will!“, dann geht es nicht darum, dass ich etwas bewerten oder kommentieren soll. Dann geht es darum, bewusst zuzuhören, zu schweigen und dem anderen Raum zu geben, sein Denken und Fühlen, sein tiefstes Leiden oder auch seine größte Freude ausbreiten zu können. Hören und Schweigen bringt mich meinem Mitmenschen nahe. So nahe, dass dieser sich nicht mehr alleine gelassen fühlt. Indem dieser mir sein Innerstes anvertraut, entsteht Vertrauen - zum Hörenden und im besten Falle auch wieder zu sich selbst; Selbstvertrauen dazu, den Lebensweg weiter oder neu zu gehen.

Gott selbst nennt Moses seinen Namen im brennenden Dornbusch: Ich bin immer da. Das heißt auch: Ich höre dir zu, ich bin ganz bei dir und helfe dir, dich zu finden und zu festigen.

Nur wer sich selbst nicht den größten Raum gibt, so ein Sprichwort, hat Raum genug für andere“ - und somit für Kostbarkeiten und Schätze, die einem anvertraut und mit-geteilt werden. Reden - im Sinne Gottes - heißt Hören und Schweigen und ganz beim anderen sein. Das tut gut. Das hilft.

Brauchen wir das nicht auch von Zeit zu Zeit?

Ich wünsche mir, für mich und für Sie, dass wir wieder anfangen, mehr miteinander als übereinander zu reden. „Leih´ mir dein Ohr und höre! - Ich bin immer da!“

Es grüßt Sie Ihre Marion Ziegler, Pfarrerin in der Klinikseelsorge der Neurologischen Klinik, Bad Neustadt, und im Schuldienst