Aufgeschlossen - Geschichte weiter erzählen

Zu meinen eindrucksvollsten Begegnungen zählt die mit einem älteren jüdischen Ehepaar vor ein paar Jahren in einem Dorf nahe der Fränkischen Schweiz. Hier gab es über Jahrhunderte ein blühendes jüdisches Leben mit einer eigenen Schule und Synagoge. Die Bevölkerung jüdischen Glaubens bereicherte das in dieser Gegend nicht gerade starke wirtschaftliche Leben. Man wusste, was man aneinander hatte. Das endete im November 1938. Im Zuge der Reichspogromnacht wurden auch noch die letzten Juden des Dorfes, die nicht schon vorher weggezogen waren, deportiert. Dann deckte sich der Mantel des Schweigens über das Dorf und diesen Teil seiner Geschichte. Die Synagoge wurde abgetragen, die großen Sandsteinblöcke waren gut für anderes zu gebrauchen. Die Häuser, die den jüdischen Mitbürgern gehörten, fanden schnell andere Besitzer. Doch dann lüpfte, wie so oft, der Zufall den Mantel des Schweigens. Eine alte Frau, die im November 1938 als junges Mädchen zufällig beobachten musste, wie ortsbekannte Persönlichkeiten in SA-Uniformen die letzten Juden auf Lastwagen bugsierten, wollte das Erlebte nicht länger für sich behalten. Sie erzählte es nach 70 Jahre ihrem Pfarrer. Der sammelte eine Gruppe engagierter Menschen um sich, die Nachforschungen anstellten. Mit Hilfe des Internets gelang es, jenes ältere Ehepaar in New York aufzuspüren. Der Mann war als 13jähriger Junge 1938 mit seiner Familie deportiert worden, seine gesamte Familie wurde im Konzentrationslager ermordet. Er selbst kam auf abenteuerlichem Weg nach New York und heiratete dort seine Frau, die ebenfalls aus Deutschland geflohen war. Die Gruppe nahm Kontakt mit dem Ehepaar auf. Beide waren schon über achtzig Jahre und hatten sich geschworen, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren. Aber dann ließen sie sich überreden und reisten nach Deutschland in ihr Heimatdorf. Es kam zu ergreifenden Begegnungen zwischen den ehemaligen Nachbarn und ihnen, den Mitbürgern jüdischen Glaubens von damals. Und dann gab es jenen Gedenkgottesdienst an einem 9. November in der Kirche des Dorfes. Alle Kirchenglocken läuteten, auch die der Nachbargemeinden. Die Kirche war voll, auch alle Nachbarpfarrerinnen und-pfarrer waren gekommen, darunter ich. Ich saß neben der alten Dame, die als Mädchen so viel Schlimmes erleben musste. Als sie die Glocken läuten hörte, flüsterte sie mir mit hörbar fränkischem Zungenschlag und sichtlich ergriffen ins Ohr, dass sie es nie für möglich gehalten hätte, dass einmal ihnen als Juden zu Ehren hier alle Kirchenglocken läuten würden. Zum Besuchsprogramm des Ehepaares gehörte auch ein Besuch in der Schule, wo ich Religionsunterricht erteilte. Vor Schülerinnen und Schülern der Oberstufe in der Bibliothek versammelt, erzählt der Mann auf Deutsch und ebenfalls mit fränkischem Beiklang seine unglaubliche Lebensgeschichte. Es herrschte Totenstille. Die sprichwörtliche Stecknadel hätte, wäre sie gefallen, alle zusammenzucken lassen. Dann beendete er seine Ausführungen mit dem Satz, dass in ein paar Jahren, wenn er gestorben sei, seine Geschichte niemand mehr erzählen könne. Wir alle schwiegen still. Da sagte in diese Stille hinein plötzlich eine Schülerin: „Dann werden wir in Zukunft Ihre Geschichte weitererzählen.” Ich hätte dieser Schülerin allein wegen dieses Satzes an Ort und Stelle ihr Abiturzeugnis ausgestellt. Jahre später erhielt ich die Nachricht, dass der alte Herr in New York gestorben war. Die Gruppe um den Pfarrer hatte im Gemeindemitteilungsblatt eine große Traueranzeige veröffentlicht. Die Menschen gedachten seiner, der als 13jähriger Junge deportiert wurde. Ich schrieb eine Mail nach New York an die Witwe. Ihre amerikanischen Enkel hatten einen Mail-Account eingerichtet, er lautete tatsächlich OmaandOpa@.... Ich schrieb ihr vom Gedenken an ihren Mann in dessen ehemaligen Heimatdorf und erinnerte an den Satz jener Schülerin bei ihrem Besuch. Die ältere jüdische Dame antwortete wenige Tage später. Sie habe sich sehr gefreut über meine Zeilen. Und ja, sie habe den Satz der Schülerin nicht vergessen und sie sei dankbar, dass ihre Lebensgeschichte an neue Generationen weitergeben würde. Damit endete diese für mich so eindrucksvolle Begegnung. Ich bin davon überzeugt: der entsetzlichste und zudem unbegreiflichste Fehler in der langen Geschichte der Kirche war der Judenhass. Gerade angesichts eindeutiger biblischer Aussagen: Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat. (Römer 11,2) Denken wir heute daran 80 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen der Reichspogromnacht. Und folgen wir dem Beispiel jener Schülerin: „Dann werden wir in Zukunft Ihre Geschichte weitererzählen.”

Dr. Matthias Büttner, Dekan in Bad Neustadt