Aufgeschlossen - Die goldene Mitte

Die goldene Mitte! Welch eine Verheißung liegt auf ihr. Nimmt man zwei sich gegenüber stehende Extreme, dann liegt zwischen ihnen die goldene Mitte. Schon der griechische Philosoph Aristoteles gab den Rat, in jeder Situation seine eigene goldene Mitte zu finden. Demnach müsste eigentlich auch alles Mittelmäßige als golden erachtet werden.

Aber wenn etwas als mittelmäßig gilt, ist das gerade nicht als Kompliment gemeint. Im Buch des Predigers Salomo heißt es im 7. Kapitel: Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen. Sei nicht allzu gottlos, aber sei auch nicht allzu fromm. Übertreib es nicht — weder in die eine, noch in die andere Richtung. Orientiere dich an der goldenen Mitte. Dass man allzu gottlos sein kann, das leuchtet jedem von uns ein. Aber kann man auch allzu fromm sein? Dem Prediger Salomo kommt es darauf an, das Leben trotz aller Widrigkeiten aus Gottes Hand zu nehmen, also sein Vertrauen auf Gott nicht zu verlieren. Er rät dazu, aus Gottes Hand alles zu nehmen, auch die nicht so schönen Dinge im Leben und dabei am Vertrauen auf Gott festzuhalten. Allzu fromm zu sein, würde demnach bedeuten, das gute Leben, das Gott uns schenken kann, zu erzwingen. Aber das geht eben nicht. Gott ist im Himmel und du auf Erden. Auch das ist so ein typischer Satz des Predigers Salomo. Er meint damit, Du kannst die Dinge nicht erzwingen, also nimm sie aus Gottes Hand und vertrauen auch weiterhin auf ihn. Von Eduard Mörike, dem Dichter und evangelischen Pfarrer, gibt es ein Gedicht, das uns die Weisheit des Predigers Salomo nahebringt: „Herr, schicke was du willst, / ein Liebes oder Leides! / Ich bin vergnügt, dass beides / aus deinen Händen quillt. // Wollest mit Freuden / und wollest mit Leiden / mich nicht überschütten! / Doch in der Mitten / liegt holdes Bescheiden.” Sei auf keinen Fall gottlos. Aber überfordere auch nicht den lieben Gott mit dem, was Du willst. Denn Gott ist im Himmel und du auf Erden. Du bist nicht im Himmel. Aber gottlob bist auch nicht gefesselt auf die Erde. Du bist in der Mitte. Denn in der Mitten liegt holdes Bescheiden. Ich glaube, die Mitte gilt ganz zu Recht als eine goldene. Und die Mittelmäßigkeit? Sie ist goldener als wir vielleicht meinen.

 

Dekan Dr. Matthias Büttner, Bad Neustadt