Angedacht - Touch me

Berühr mich! Die Aufforderung begegnet einem, wenn man die Rolltreppen hoch ins neue Zentrum für klinische Medizin kommt, gleich nach der Wandfläche aus Moos, die so reizt, dass man sie berührt, an der in den Anfangstagen aber stand, „bitte nicht berühren!“.

Stattdessen, ein paar Schritte weiter, kurz vor der Kapelle, die Aufforderung: Berühr mich!.

Die Bibel erzählt in drastischen Bildern von der Heilung eines Taubstummen: Wie Jesus dem Mann Speichel auf die Zunge streicht und ihm mit den Fingern in die Ohren greift. „Und er rührte ihn an“. So heißt es immer wieder in biblischen Heilungsgeschichten. Und oft wird erzählt, dass auch die Menschen Jesus berühren wollten, weil sie sich davon Heilung erhofften. Jesus berührte die Menschen – an Leib und Seele. Selbst die Unberührbaren. Und - er ließ sich berühren.

Und jetzt, hier am Eingang zur Klinik, dieser Satz: Berühr mich! Passt, denke ich im ersten Moment. Passt hier her! Ist es nicht voller Berührungen, dieses Haus. Zwar nicht alle zart, wohltuend und behutsam. Manche sind schmerzhaft, invasiv. Da wird nicht nur gewaschen, gemessen und gecremt, massiert und mobilisiert, sondern auch gespritzt, geschnitten und genäht… gleichwohl immer mit dem Ziel, zu helfen, zu lindern, zu heilen.

Aber dann kommen mir andere Bilder: Die echte Berührung scheint auf dem Rückzug. Immer öfter führt ein Roboter das Skalpell oder hebt den Patienten ins Bett, stellt ein Computersystem die Ferndiagnose, misst die Manschette automatisch den Blutdruck und das Fieberthermometer berührungsfrei die Temperatur. Und der Händedruck ist zunehmend verpönt. MRSA und Noroviren machen das Haus zu einem neuzeitlichen Ort der „Unberührbaren“.

Gott sei Dank gibt es noch Ärzte, die die Hand geben, weil das die erste „diagnostische Information“ für sie ist, und die sagen: „Ich muss den Patienten sehen, fühlen, riechen, um herauszufinden was ihm fehlt. Daten, Messwerte und Aufnahmen, sie sagen nicht alles.

Berühr mich! – ein kritisch provokanter Stolperstein am Eingang zur Klinik, der den Patienten eine Stimme gibt und daran erinnert, dass erst die Berührung uns das Gefühl vermittelt, wirklich beHANDelt zu werden, als Mensch gesehen und gewürdigt, gerade da, wo wir schwach sind und bedürftig.

Berühr mich! Kunstinstallation am Eingang zur Klinik, einfach genial! Auch wenn sich der Künstler wohl gar nichts dabei gedacht hat… denn es ist nur die Aufforderung eines der großen Touch-Screen-Bildschirme, die der Orientierung dienen sollen. Touch me - Berühr mich!

Mir ist`s egal – ich hab mir vorgenommen, die Aufforderung auf meine Weise zu verstehen... und nicht aufzuhören, auch mich berühren zu lassen.

Pfarrer Harald Richer, Klinikseelsorge Bad Neustadt