Angedacht - Orte der Sehnsucht

Jetzt ist sie wieder: die Zeit der Advents- oder Weihnachtsmärkte mit ihren Buden und Bratwurst- und Glühweinständen. Auf den ersten Blick haben diese Märkte wenig mit dem zu tun, was mit Advent gemeint ist. Aber nur auf den ersten Blick. Sehen wir genauer hin, dann entdecken wir, dass die Advents- und Weihnachtsmärkte viel mit Sehnsucht zu tun haben. Mit der Sehnsucht nach einer behüteten Kindheit, an die man sich gerne in der Weihnachtszeit erinnert. Mit der Sehnsucht nach einem auch jetzt noch behüteten Leben, nach Sicherheit, Wärme. Mit der Sehnsucht nach der Befreiung von einem Alltag, der als grau oder anstrengend empfunden wird. Kurzum: Mit der Sehnsucht nach Erlösung. In den Tiefen der Menschenseelen vibrieren Ängste von Unsicherheit und Verlusten, eine vagabundierende Sehnsucht nach Glück, nach einer Durchbrechung des Alltäglichen, einer Erlösung von den vielen unerlösten Verhältnissen und Konflikten, in denen man sich aufreibt. Beim Propheten Jeremia heißt es einmal (23,5): Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Der deutsche Philosoph jüdischen Glaubens Walter Benjamin hat einmal gesagt: Den Juden wurde die Zukunft nicht zur homogenen und leeren Zeit. Denn in ihr war jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten konnte. Die christliche Adventszeit dockt an diese hohe Kunst des Erwartens an. Heute wird auch bei uns die Hoffnung neu, dass bei uns der König der Ehren, Davids gerechter Spross einziehen möge. Wir üben uns auch in dieser Adventszeit wieder in der hohen Glaubenskunst des Erwartens. Des Erwartens von Gottes Zuwendung zu uns mitten in unserem Leben. Dabei ist Erwarten mehr als Warten. Warten kann vergeblich sein. Erwarten ist es nicht. Denn wenn wir etwas erwarten, ist es schon auf der Bahn, ist es schon unterwegs zu uns. Unsere Erwartung an Gott ist eine Hoffnung von heute, die sich schon morgen in Licht und Wärme verwandeln kann. Jede Sekunde auch unserer Zeit ist die Pforte, durch die der König der Ehren bei uns einziehen kann.

Dr. Matthias Büttner, Dekan in Bad Neustadt