Angedacht - Der Specht im Aufzug

Willkommen mal wieder zu: Neues vom Rhön-Klinikum Campus! Weil die Zeitungen wie auch der Alltag hier oben derzeit voll sind von schwer Verdaulichem und kaum noch Erträglichem, will ich heute im Bereich „Leichte Kost“ bleiben: Tatort: Westflügel im neuen Klinikum. Im Aufzug meines Vertrauens. Dort ging vor einiger Zeit Merkwürdiges vor sich. Wenn er sich in Bewegung setzte, begann es hinter der Verkleidung zu klopfen: TOK-TOK-TOK. Unwillkürlich dachte ich an die Vögel in der Volliere der Glaskuppel der alten Herzklinik, die bei unseren Konzerten dort immer mitgesungen hatten. Und jetzt hier: TOK-TOK-TOK! Schnell hatte das rätselhafte Geräusch bei mir seinen Namen weg:

DER SPECHT IM AUFZUG.

Im Gespräch mit einer Mitarbeiterin im Haus muss ich dann sowas gesagt haben wie: „Bin mal gespannt, wann sie den armen Specht da wieder rauslassen!“ …und sah daraufhin in diese großen, verwunderten Augen meiner Gesprächspartnerin, die vollen Ernstes meinte: „Ach, das ist ein Specht!??“  

Warum nur glauben wir manchmal alles erdenklich Mögliche und sogar unerdenklich Unmögliche? Ich schließe mich da ein. Denn es gibt (ein paar wenige!) Leute, denen gelingt das gelegentlich auch bei mir, mich aufs Glatteis zu führen. Was also bringt uns nur dazu, selbst völlig Absurdes für wahr zu halten?

Ist es die – ja nicht ganz von der Hand zu weisende Erfahrung - , dass es wirklich (fast) nichts zu geben scheint, was es nicht gibt? Oder ist es ein Ausdruck wachsenden Verwirrung, die entsteht, weil die Welt immer unübersichtlicher und komplizierter wird?

Die Geschichte vom Specht im Aufzug ist dabei die harmlos-amüsante Variante. Leider, - und nun wird es für einen Moment doch etwas ernster – leider hat das Phänomen auch eine tragische bis fatale Seite. Was geistert da im Moment an Verschwörungstheorien und pseudowissenschaftlichen Verirrungen durch das Netz! Und wird geglaubt!

Die Bibel ist da – entgegen manchem Vorurteil – sehr nüchtern und klar: „PRÜFT alles! Behaltet das Gute!“ schreibt Paulus. Und im Johannesevangelium heißt es: „Die WAHRHEIT wird euch FREI machen“. Das sind zwei wichtige Spuren auf der Suche nach wahrer Wahrheit: Erstens: Die Wahrheit braucht sorgsame Überprüfung! Nie war das wichtiger als heute! In einer Zeit, in der mehr denn je ungeprüft behauptet oder bewusst gelogen, gefälscht und getäuscht wird. Zweitens: Erkennbar ist das Reich der Wahrheit daran, dass Menschen dort FREI sind! Regime und Staaten, die um der angeblichen eigenen „Wahrheit“ willen Andersdenkende einsperren, entlarven sich selbst!     

Bleibt noch nachzutragen, wie es mit dem TOK TOK TOK  weiterging: Nach Einschaltung des LBV (Landesbund für Vogelschutz) ging alles sehr schnell und  die Haustechnik behob das Klopfen und der Specht wurde in die Freiheit des Frühlings entlassen. Ab und zu höre ich ihn im angrenzenden Wäldchen neben dem Neubau: TOK TOK TOK. Vor allem Anfang April.

Pfarrer Harald Richter, Klinikseelsorger Bad Neustadt