Angedacht - Das Leben kostet Kraft

"Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir!" Diese Worte aus dem Alten Testament (1. Könige 19,7) sagt ein Engel zum Propheten Elia. Dieser hat sich unermüdlich für seinen Gott eingesetzt und damit den Zorn eines ganzen Volkes auf sich gezogen, sogar so sehr, dass sein Leben in Gefahr ist und er verfolgt wird. Elia flüchtet in die Wüste. Er kann nicht mehr, ist erschöpft, mutlos und will eigentlich nur noch sterben. Unter einem Ginsterstrauch liegend wird er von einem von Gott gesandten Engel berührt, der zu ihm sagt: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir!“ Und tatsächlich lässt sich Elia darauf ein: Er isst, trinkt und bekommt neue Kraft und macht sich auf seinen weiten Weg, der letztendlich erfolgreich endet.

Warum erzähle ich Ihnen diese alte Geschichte aufs Neue? Vielleicht weil mir in diesen Zeiten immer wieder und immer mehr erschöpfte Menschen begegnen. Menschen, die mutlos sind und einfach nicht mehr mögen – wegen Corona, wegen des Kampfes ums Alltägliche und Überleben, wegen des Krieges und auch wegen der scheinbaren Unveränderlichkeit und Moral der kirchlichen Institutionen. Sie können bestimmt irgendetwas dieser Liste hinzufügen.

Das Leben kostet Kraft, v.a. wenn wir einen Weg vor uns sehen, bei dem wir uns fragen, ob das Ziel je erreicht werden kann oder ob alles Mühen sowieso umsonst ist. Und wie gut, wenn wir dann merken, dass sich unsere Kraft auch in solchen Zeiten erneuert: durch essen und trinken, durch die Sonne und die Natur, durch schlafen, Gespräche, Freunde, Musik, Sport … oder das Dasein eines anderen hoffnungsfrohen Menschen, der uns einfach mitnimmt und ansteckt.

Der weite und beschwerliche Weg wird dadurch nicht kürzer, aber mit einem, der uns anstupst, der uns berührt, der uns zu essen gibt und an die Hand nimmt, wird manches einfacher. Gott ist sicher der eine, der uns auf unserem Weg begleiten will und wird; aber, weil er weiß, dass wir Menschen manchmal etwas oder jemanden „Handgreiflicheren“ brauchen, schickt er uns so manche Engel – auch menschliche.

Lassen Sie sich berühren, an die Hand nehmen, kräftigen! Dass das gelingt, wünscht Ihnen

Marion Ziegler, Pfarrerin in der Klinikseelsorge am Rhön-Klinikum Campus, Bad Neustadt, und im Schuldienst