Angedacht -

Vor kurzem las ich in der Main-Post einen Artikel vom Theologen Lilie, der die Überschrift hatte: „Jesus hatte Freunde und keine Follower“. Lilie ließ sich darüber aus, dass das neumoderne „folgen“ und „liken“ von Personen, die wegen irgendwelcher Modetipps, Karaoke-Gesängen oder Lebensstilen ins Zentrum der Betrachtung kommen, fragwürdig mit dem Begriff „Freunde“ (womöglich fürs Leben?!) zusammengebracht werden können. Er behauptete, Jesus hätte es da besser getroffen, er hätte Freunde gefunden. Ich frage: Ist es so?

Als ich Theologie studierte, kursierte  eine Karikatur mit einer Zollstation, an der einige Männer vorbei wollten, um Jesus zu „folgen“. Der Zöllner fragte, wer sie denn seien. Sie antworteten: „Jünger“. Und er fragte genervt nach: „Jünger als wer?“ - Also da schon eine schwierige Begriffsklärung! Was oder wer sind diese Männer und - ich ergänze - Frauen um Jesus nun wirklich gewesen? Als Jünger werden im Neuen Testament jene Menschen bezeichnet, die Jesus nachfolgen. Das griechische Wort μαθητάι (mathētai) heißt wörtlich Lehrlinge oder Schüler. Jetzt weiß ich nicht wirklich, ob meine Schüler*innen meine Freunde sind oder sein wollen. „Freund sein“ ist weitaus mehr als jemandem hinterherlaufen, ihm/ihr folgen und alles aufsaugen, was diese/r an Weisheiten von sich gibt. Ja, mit Freunden spricht man gerne, hört zu und lässt sich auch manches Lehrreiche sagen. Aber es muss ein Austausch in beide Richtungen sein. - Jesus redet, hört aber auch aufmerksam zu! Darüber hinaus: Freundschaft bedarf einer Vertrauensbasis, eines blinden Vertrauens. Dazu bedarf es eines gemeinsamen (Lebens-)Weges und Erlebnisse, die zusammenschweißen, vor allem in der Not. Und manchmal bringt man auch ein Opfer für seinen Freund, seine Freundin - nicht, weil man muss, sondern, weil man will. Jesus hat das für seine Freunde getan. Diese mussten es erst lernen. Aber über seinen Tod hinaus, zeigten sie ihm ihre tiefe Verbundenheit und gingen in die Welt hinaus mit seiner Liebes-Botschaft, für die sie zum großen Teil auch mit ihrem Tod zahlen mussten.

Freunde fürs Leben - und darüber hinaus - das wünsche ich Ihnen! Im besten Fall solche, die griffbereit sind im Hier und Jetzt, und dazu noch einen, der aus Liebe auch sein Leben gibt: Jesus.

Es grüßt Sie Ihre
Marion Ziegler, Pfarrerin in der Klinikseelsorge der Neurologischen Klinik, Bad Neustadt, und im Schuldienst